Wer die Ruhe stört

von Johanna Adorján

Am scheußlichen Alexanderplatz im mittelschönen Berlin stehen neuerdings mehrere ausgewachsene Männer mit dem stolzen Federschmuck der Ureinwohner Nordamerikas auf dem Kopf im Halbkreis, stampfen mit den Füßen, wiegen sich im Takt und spielen, Sie ahnen es, das einzig amtliche Weihnachtslied, das Nordamerika hervorgebracht hat, "Like a Virgin" hin oder her. Und wäre das alles nicht schlimm genug (Indianer? Jingle all the way? Vor dem Kaufhof am Alexanderplatz?), spielen sie es auch noch auf Pan- und Blockflöten, und was, ich bitte Sie, was könnte schlimmer klingen als das selbstzufriedene, satte Hauchen dieser beiden jämmerlichsten aller Blasinstrumente?

Richtig, Schifferklavier. Und damit kommen wir zum nächsten Punkt der abenteuerlichen Klangreise, auf die einen ein Gang durchs abendliche Berlin dieser Tage entführt. Mag sein, daß es an mir liegt, daß ich überempfindliche Ohren habe oder kein Herz, aber an allen Ecken der Stadt ewig dieselbe trostlose, auf Ziehharmonika dargebrachte, osteuropäisch anmutende Klageweise zu hören ist einfach nicht schön. Es ist schon vorgekommen, daß ich nachts aus dem Schlaf hochgeschreckt bin und diese Melodie im Kopf hatte, irgend jemand erzählte, sie stamme aus dem Film "Amélie", aber das glaube ich nicht. Ich glaube, sie stammt direkt aus dem Vorhof zur Hölle, und sie wurde erfunden, uns zu quälen, die wir mit unverschlossenen Ohren auf dieser Erde herumlaufen müssen, weil es viel zu gefährlich wäre, mit Ohropax durch den Straßenverkehr zu laufen, der ja immer schlimmer wird seit ständig damit zu rechnen ist, von einem Auto erfaßt zu werden, dessen Fahrer einem entgegenkommenden Schulkind ausweichen muß, das wegen des MP3-Players die Hupe nicht hört.


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50, S.32, Johanna Adorján

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